Wenn eine schöne Nebensache ...

... plötzlich zur leidlichen Hauptsache mutiert. Von Albert Camus über Hans-Joachim Watzke bis hin zu Karl-Heinz Rummenigge. Sie alle haben etwas zur Pandemie zu sagen. Alle auch zu Fußball! Dabei verursacht das wahnsinnig rasante Gefälle der Sorgen, die die drei umtreibt, rasende Kopfschmerzen: Vom kritischen Selbst gegenüber der gesellschaftlichen Verantwortung über fahrlässige Gefälligkeit in eigener Sache bis hin zur entblödeten Selbstgefälligkeit einer neu erklärten Adelsklasse.

König(e) ...
... und Fußballer ...
... unter ...
... sich ...
... und Sladan Nedic
BM, somewhere, sometime ...

„Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit."

Dieser Satz ist kürzlich durch die Medien getigert. Ausgesprochen hat ihn Dr. Rieux, der Protagonist in dem Roman „Die Pest“ des in Algerien geborenen französischen Nobelpreisträgers der Literatur Albert Camus. Erschienen 1947. In Frankreich zählt „La Peste“ zum Kanon der Pflichtlektüre in den Schulen.

Rieux kämpft mit offenen Visier um das Leben von Menschen und gegen das unendliche Sterben in Zeiten der Pest, in der Fußballstadien zu Krankenlagern umfunktioniert werden und Straßenbahnen keine Personen ans Ziel befördern, sondern Leichen zu Verbrennungsöfen transportieren. Archaisches Sterben in der Ära der Hochtechnologie. Schlichtweg eine absurde Vorstellung!

Rieux, dessen Geist von der Absurdität des Lebens schlechthin geprägt und überzeugt ist, gewinnt neue Einsichten sowie Ziele und versteht seine Aufgabe erstmalig als sinnvoll. Ehrlichkeit besteht für ihn darin, „dass ich meinen Beruf ausübe.“

Jetzt ist nicht jeder Mediziner. Aber darum geht es auch nicht, sondern vielmehr darum, sich mit aktuellen Lebenssituationen auseinanderzusetzen, um sich als soziales Wesen zu begreifen und zu verantworten, das seine existentiellen Merkmale ad hoc definiert und konsequent verfolgt. Rieux als Mediziner eben als helfender Arzt. Die Verkäuferin als ehrliche Partnerin, die Erzieherin als wertvolle Pädagogin und die Virologin als umsichtige Wissenschaftlerin. „Es handelt sich (hierbei) nicht um Heldentum ... Es handelt sich um Ehrlichkeit!“, betont der Arzt in Camus’ Werk.

Was hat das mit Fußball zu tun?

Albert Camus hat in seiner Jugend als Torhüter selbst gekickt und war später heißblütiger Anhänger von Racing Paris, sooft wie möglich im Stadion und gewann so seine lebensumspannende Erkenntnis: „Alles was ich im Leben über Moral oder Verpflichtungen des Menschen gelernt habe, verdanke ich dem Fußball“, ist ein starkes Dokument. 

Zu dumm, für aus'm Bus zu gucken

Wie passt in solch ein Szenario der aktuelle 4:0 Derbysieg von Borussia Dortmund über Schalke 04? Gut! Bestens! Fußballer spielen eben Fußball. Und wenn es der Seele von Fans und Sportbegeisterten guttut, geht das auch völlig in Ordnung, auch in Zeiten von Corona, obwohl nicht systemrelevant, aber durchaus von gesellschaftlicher Relevanz. Aber es gelten Regeln!!!

Jedoch: Bei der Rückkehr des Vereinsbusses nach Dortmund, wurde jegliche Hygienemaßnahme ad absurdum geführt. Im Bus, außerhalb jenes. Superbowl-Endspiel Kindergarten dagegen.

Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke tut sofort sein Verständnis kund. Laut Spiegel Sport äußerte er sich diesbezüglich so: „Das kann es ja auch nicht sein!“ Er meinte damit allerdings nicht das absurde Fehlverhalten der Borussen, ob Spieler oder Fan, sondern selbstredend den Gegenspieler, den Corona geschuldeten Auftritt. Kurz: Schuld ist das Virus! Logo, aber darauf muss man auch erst einmal kommen. Dennoch habe er Verständnis, der Watzke Ha-Jo. Heja!

„Dennoch müssen wir uns alle an Regeln halten!“ Was denn nun? Gibt es einen Superlativ von absurd? Egal, Hans-Joachim Watzke hat ihn im Handumdrehen kreiert. Und festgezurrt, indem man bereitwillig mögliche Strafen akzeptiere, wie er sich großzügig äußerte.

Was hat das noch mit Ehrlichkeit zu tun? Einfach drauf geschis...! Eher ein strammer Torschuss zur moralischen Zerstörung, was in diesen Zeiten eben nicht nur Politikern vorbehalten zu sein scheint. Wenigstens nicht wenigen.

Im Zweiten faselt man besser

Was geht hier eigentlich rund um den Fußball ab? Der nächste völlig verunglückte „Kopfball“ von Karl-Heinz Rummenigge fliegt völlig entgeistert im Strafraum hin und her. Dabei misslingt dem FC Bayern-Boss der gleichzeitige Fallrückzieher total. Erst sollten Fußballprofis bei Covid-19 Impfungen bevorzugt werden, weil gesellschaftlicher Beitrag, weil Fußballprofis Vorbilder, wie er bei Sport1 so zielsicher appellierte.

Dann die völlig misslungene Aktion „Demut und Fußball“ im Doppelpass zu spielen. Im Aktuellen Sportstudio (ZDF) im Gespräch mit Moderator Jochen Breyer. Autsch!

Das ist so absurd, wie sich den Ball vorlegen, dann aber in die andere Richtung davonstürmen. Jetzt aber alles anders, alles Missverständnis, weil nur, „wenn es genügend Impfstoff gibt“, wie er mit glühenden Bäckchen im weiteren Gespräch im Zweiten faselt. Aha!

Aber Reisen, ja! Müssen sein, wegen Uefa! „Das sind keine Entscheidungen der Klubs“, verstolpert Karl-Heinz Rummenigge vollends den Ball, kommt ordentlich ins Schwimmen. Dann taucht der Diver geistig völlig unter.

Spiel ohne Grenzen

Apropos Reisen? Natürlich auch bei Nachtflugverbot, wie wir aus jüngster Vergangenheit schon wissen, da er sich sonst „verarscht“ (Zitat) fühlt, der Erste Repräsentant der neuen deutschen Adelsklasse. Das Gespräch als solches stand unter dem Motto, dass er sich „Arroganz verbittet“, so der Kalle, so volksnah und kumpelhaft – und das als Vorstandsvorsitzender. Champs-Élysées!

Dort sind ebenso flanierende Politiker zu finden, die beim Impfen auch gerne einmal das gemeine Volk rechts überholen. Aber auch nur, weil sie den Corona-Nektar nicht verkommen lassen wollen. Ehrlich!

Was hat das mit Fußball zu tun?

Auf den ersten Blick gar nichts! Nicht doch, es hat ganz viel mit uns allen zu tun? Grundsätzlich und im Speziellen mit unserer schönsten Nebensache. Ganz viel. Sport verlangt Ehrlichkeit, Fairness und Transparenz. Ansonsten kein Sport. Ihr ursächlich eigenes Verhalten entscheidet darüber. Auch in Sachen Darts. In Zeiten vor, während und nach Covid-19. 

„Der Fall“, so heißt das letzte vollendete Prosawerk Albert Camus', 1956 aufgelegt, und er lässt die Hauptfigur Jean-Baptiste Clamence feststellen: „Nur im Fußballstadion ... kann ich mich noch völlig unschuldig fühlen.“ Denken Sie einmal darüber nach, ob das nicht auch fürs Dartboard gilt! 

Albert Camus selbst kannte nicht Die Angst des Torwarts beim Elfmeter, sondern „begriff sofort, dass der Ball nie so auf einen zukommt, wie man es erwartet. Das war eine Lek­tion fürs Leben.“ Auch für uns alle. Und Sie als Dartspieler wissen eben auch nie, wo der Dart wirklich landet. 

BM