Weltmeisterliche Darts-Kultur

Es ist jetzt eine Woche her, dass die Weltmeisterschaft der PDC entschieden worden ist. Rund drei Wochen lang wurde im Alexandra Palace im Norden von London via TV Darts serviert. Durchaus kulinarisch, delikat, superb und mit vielen Hors d'œuvres gespickt. Trotz aller Überraschungen eine überaus konsequente WM, was das Endergebnis betrifft. Absolut stimmig!

Gary Anderson Old School
Wie Phil Taylor
Oder Raymond van Barneveld mit seiner "Barney Army" Christian Soethe und Ralf McDart
Rob Cross
Michael van Gerwen
Und der aktuelle Höchststand: Gerwyn Price
Die Neuerscheinung

Short Prolog

Die letzten vier Spieler der WM kommen allesamt aus dem Vereinigten Königreich, sprich Großbritannien. Das Mutterland des Dartsports und insbesondere des Darts-Profitums hat nachhaltig Stärke bewiesen und keine Diskussionen auflodern lassen, wo das beste Darts gespielt wird. Unter den Halbfinalisten waren zwei Engländer, ein Schotte und ein Waliser zu finden.

Intermezzo dito

Wie im Fußball gibt es auch im Darts auf der Insel ein verbandstechnisches Splitting: England, Nordirland, Schottland und Wales. Vorsicht, fast hätten wir im Eifer tatsächlich Guernsey, Jersey und Isle of Man vergessen. Pardon, lovely Brits.

Aber Hand aufs Herz: Spinnen die nicht? Why this special treatment? Dies spielt insofern allerdings erst einmal keine Rolle, denn die PDC behauptet selbst per se kein Sportverband zu sein, sondern eine Corporation, ein geschäftliches Unternehmen. Business as usual. Mit vielen, vielen Soloselbständigen. Erheben sich die Gedanken in den sportiven Olymp, dann sieht es ganz anders aus. Im IOC befindet sich alles unter einem Hut, der den offiziellen Namen British Olympic Association trägt.

Zurück zu dem Quartett der WM-Solisten. Die beiden Engländer Dave Chisnall und Stephen Bunting verloren in den Semifinals 3:6 beziehungsweise 4:6, im ersten Fall gegen Gary Anderson, im zweiten gegen Gerwyn Price. Damit hatte das Mutterland des Dartsports und insbesondere des Darts-Profitums nachhaltig Stärke bewiesen. Respekt!

Clash of Generation

Das Finale wurde zudem nie als Fight eines Walisers gegen einen Schotten verstanden, sondern als Kampf zwischen Gerwyn Price und Gary Anderson. Das ist auch nichts Negatives, sondern reduziert die Tatsachen auf das Tatsächliche, auf die Quintessenz.

Dennoch war das Duell in eine höhere Hemisphäre eingebettet: „Clash of Generation“, wie es auf Dart1 betitelt worden ist. Dieser Überbau beschränkt sich nicht auf lapidare Nebensächlichkeiten. Dass sich die beiden Protagonisten, nicht besonders gern mögen, geschenkt. Auch die Tatsache, dass sie beide fünfzehn Lebensjahre trennen, schlussendlich Käse (Vegetarier).

Dennoch war das Endspiel durchaus eine Clash of Generations-Inszenierung. Weil beide Akteure das Dartspielen ganz anders interpretieren. So war der 7:3 Sieg von Gerwyn Price auch ein Statement in Sachen Darts-Kultur!

Rugby

Der Jüngere ist mit Leib und Seele Rugbyspieler wie seine Brüder, sein Vater und Großvater gewesen. Alles in der Familie Price dreht sich ums Rugby-Ei. Nichts für Weicheier. Eine harte, aber faire Angelegenheit. Sport im United Kingdom. Oscar Wilde, das personifizierte Bonmot der grünen Insel, hat Folgendes dazu angemerkt: „Fußball ist ein Spiel für Gentlemen, das von Rowdys gespielt wird, und Rugby ist ein Spiel für Rowdys, gespielt von Gentlemen!“ Die Steigerung von Rugby ist Gaelic Football. Frag’ nicht! Alles andere Kindergeburtstag.

Erst als es für Gerwyn Price nach einer Handverletzung nicht mehr weiter bergauf ging, schmiss er das Rugby-Ei in die Ecke und begann intensiv Pfeile aufs Dartboard zu werfen. Nach ersten Erfahrungen im urwüchsigen Pub Markham Welfare Club und als League Player fing er sodann an, größere Turniere zu besuchen. Nach seinem Vorstoß auf Platz 76 der Order of Merit im Jahre 2015 begann sein unaufhaltsamer Aufstieg. Über die Nummer 32, 19, 16, 6 und 3 zur aktuellen Nummer 1 der Welt. Das Jahr 2020 war sein allerbestes. So schnell und kontinuierlich kann es gehen. So cool liest sich die rein sportliche Agenda des „Iceman".

Iceman

Er selbst ist jedoch alles andere als cool. Eher hitzig, auch unbeherrscht, sehr extrovertiert, geradezu narzisstisch. Er ist ein „Ruffian“, ein Raufbold eben, ein Rüpel zudem. Er zollt keinem Respekt. Er posiert indes, was sein ungebremstes Ego und sein durchtrainierter Body hergeben. Lautmalerisch verstärkt mit Alpha-Männchen Grunzen und Gebrüll. Stets provokativ. Gerwyn Price hat sich mit seinen Aussagen, dass er Darts wegen des Geldes spielt, selbst fest in der Erden des Darts eingemauert.

Solche Statements kommen bei seinem finalen Kontrahenten Gary Anderson überhaupt nicht gut an, der Darts im Pub von der Pike auf erlernt hat, selbst in seinem „Wellington Arms“ Bier zapfte und als einer der letzten und ursprünglichen Vertreter des Kneipensports gilt. Darauf ist der "Flying Scotsman" stolz. So sieht er Darts schlicht als Duell zweier Spieler, die den Sport und den Gegner achten. Für ihn ist Darts ein schneller Schlagabtausch, alles andere hat für ihn nichts auf der Bühne verloren. Spieler, die das Spiel verzögern, mit was oder wie auch immer, hält er für linkisch. Während der WM-Tage hat er sich über Mensur Suljovic (Österreich) sehr missbilligend geäußert: „Wenn das Darts sein soll, dann bin ich weg!“ Und so meint er das auch.

Rarität(en)

Das Problem ist, dass Spieler wie er oder Phil Taylor sowie Raymond von Barneveld, sozusagen die Old School, rar werden. Der fünfmalige niederländische Weltmeister hatte sich schon vor geraumer Zeit anläßlich der von VFS-Mitglied Wolfgang Pütz inszenierten Cologne Darts Gala in Richtung Newcomer unzweideutig so geäußert, dass sie gleich nach Geld fragen würden, bevor sie überhaupt Leistungen erbracht hätten. Die Neureichen kennen keine Bescheidenheit, geschweige denn Respekt oder gar Demut.

Gerwyn Price ist nicht der Erste dieser neuen Welle, 2018 wurde so bereits Rob Cross (England) Weltmeister und zuvor ein gewisser Michael van Gerwen aus der Niederlande. Sie produzieren sich nach dem Motto „Jetzt komme ich“ selbst auf der Bühne. Eine zweite Hauptrolle wird nicht akzeptiert.

Leider! Leider?

Umso mehr Geld ins Spiel kommt, desto rasanter wird diese Bewegung werden. Nicht unbedingt vorbildlich für die vielen, vielen Kneipenspieler, die Darts einfach spielen, weil es Spaß macht. Und eben nicht, um Kohle zu machen. Auch so kann man Weltmeister werden. Siehe Gary Anderson 2015 und 2016. Im Jahre 2021 hat es „nur“ zum Vizeweltmeister gereicht. Auch wenn er die Art und Weise seines finalen Kontrahenten ausblenden wollte, ist ihm dies augenscheinlich nicht gelungen. Er wirkte genervt und hatte seine eigene Chancen fahrlässig verstreichen lassen. Oder anders ausgedrückt, er hat Gerwyn Price nicht das Maul stopfen können. Leider! Leider?

Wie es Euch gefällt

Das müssen Sie selbst für sich entscheiden. Das geflügelte „mens sana in corpore sano“, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohne, scheint im modernen Sport einen Anachronismus zu beherbergen. „The Times They Are a-Changin‘“, wusste Bob Dylan bereits in den 60s. Die Zeiten haben sich in der Tat geändert. Leider! Leider? Mehr Punk? Mehr Gentlemanlike? „Wie es Euch gefällt!?", shakespearen wir ungehemmt.

Weltmeister und Nummer 1

Unwiderruflich heißt der aktuelle Weltmeister Gerwyn Price, der nun auch mit £1 317 500 die Weltrangliste anführt. Fast die Hälfte davon hat er bei den beiden letzten Weltmeisterschaften eingespielt. Aktuell 500 000 für den Titelgewinn sowie 100 000 als Halbfinalist vor einem Jahr. Damit hat er erstmalig Michael van Gerwen nach einer WM von der Pole verdrängt, der seit 2014 als Nummer 1 die Rangliste ununterbrochen angeführt hatte. The Times They Are a-Changin! Isn't it?